Von Sitte und Moral

Sitten und Bräuche begegnen uns jeden Tag. Sei es in Form von einer Höflichkeitsfloskel wie »Bitte und Danke« oder dem Vorstellen von Gesprächspartnern. Sitten werden gegenüber Bräuchen als zwingende Verhaltensweise erachtet und spiegeln die moralischen Werte und Regeln einer kulturellen Gesellschaft. Dazu gehört zum Beispiel die Erwartung einer Schwangeren oder kranken und alten Menschen bedingungslos einen vorteilhaften Sitzplatz zu überlassen. Aber auch Erwartungen wie Treue, Keuschheit oder Frömmigkeit gehören zu den Regeln der Sittlichkeit.

Die Einhaltung dieser, oft ungeschriebenen Regeln, wird im allgemeinen als moralisches Verhalten anerkannt während ein Verstoß als Tabubruch gebrandmarkt wird. Die Vorstellungen von moralisch positivem Verhalten sind einem permanenten Wertewandel unterworfen. So ist die Rassentrennung heute formal abgeschafft. Aus den Köpfen hingegen ist sie noch längst nicht verschwunden. Der Straftatbestand des §175 ist in Deutschland gerade erst vor 20 Jahren abgeschafft worden und unterlag zwischen 1969 und 1973 mehrfachen Änderungen die den Straftatbestand ein wenig entschärften. Aber auch heute gibt es in einigen Ländern der Erde noch oder wieder Gesetze gegen homosexuelle Männer.

Die meisten Sitten und Wertvorstellungen bekommen wir von unseren Eltern mitgegeben. Dementsprechend selten hinterfragen wir unsere moralischen Standards. Und warum sollten wir auch daran zweifeln? Kinder und Jugendliche haben oft nur dann Grund für Zweifel wenn die eigene erlebte Realität nicht mit den erlernten Wertvorstellungen zusammen passt. Und wie groß ist tatsächlich die Wahrscheinlichkeit eines guten oder sogar besten geouteten schwulen Freundes? Und so schließt sich der Teufelskreis in dem dann schlimmstenfalls von abnormen, ja  sogar abartigen, »Hinterladern« und Schlimmerem gesprochen wird.

Im Zuge des Wertewandels können vormals ausgegrenzte und unterdrückte Personengruppen Anspruch auf bislang verwehrte Rechte und Privilegien erheben. Gleichzeitig werden sich aber auch immer Menschen finden die den Wertewandel ablehnen und an konservativen Vorstellungen festhalten. Natürlich ist es zulässig dieses Meinungsbild als rückständig abzulehnen. Dabei muss einem allerdings auch klar sein, dass die eigene Position im Gegenzug als moralisch verwerflicher Sittenverfall abgelehnt werden kann.

Selbst eine progressive Gesellschaft ist nur dann zu akzeptieren wenn auch eine willkürlich abwertende Position ohne Angst vor Repressalien eingenommen werden kann. Während Menschen wie Sarrazin und Pirinçci ungerechtfertigt von Zensur schwadronieren behalten sie in einem Punkt doch Recht. Unerwünschte Meinungen werden in unserer heutigen Zeit allzu gerne mit der latenten Gefahr gesellschaftlicher Ächtung mundtot gemacht.

Aktuell bewegt sich der Wertewandel für viele in einem akzeptablen Rahmen. Allerdings gibt es auch Bereiche in denen die Grenzen klar überschritten werden. So werden zum Beispiel unter feministischer Flagge vielfach willkürlich die Rechte der männlichen Bevölkerung eingeschränkt während gleichzeitig die Wertvorstellung von reinen unschuldigen Frauen und verkommenen triebgesteuerten Männern voran getrieben wird.

Das für sich alleine genommen wäre noch nicht das Schlimmste. So bleibt uns dank Meinungsfreiheit noch das Recht gegen willkürliche sogenannte positive Diskriminierung vorzugehen. Aber wie lange noch? Unlängst wurde ein Maßnahmenpapier der EU veröffentlicht, dass zum Beispiel definiert welche Meinungen unter die Unerwünschten fallen.

Was auf den ersten Blick wie ein wirksames Mittel gegen Intoleranz wirken mag ist genau das Gegenteil. Eine freie und demokratische Gesellschaft benötigt die Meinungsfreiheit. Ohne gegensätzliche und damit potentiell rassistische, homophobe oder antifeministische Meinungen entziehen wir uns die Möglichkeit die eigene Position zu hinterfragen.

Auch unerwünschte Meinungen müssen ohne Gefahr für Leib, Leben oder Existenz öffentlich ausgesprochen und unterstützt werden können. Ansonsten kann man – zu Recht – von einem totalitären Staat sprechen.

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Mit Intoleranz zu mehr Toleranz?

Beim Thema Ehe scheiden sich die Geister. Egal ob Homo-Ehe,Ehe mit und ohne Kinder oder Ehe als patriarchale Versklavung. Unter den Kämpfern für mehr Toleranz findet man vor allem eines: Intoleranz

So berichten unter anderem derStandard.at und die FAZ über einen Boykottaufruf der Dating-Plattform OKCupid gegen den Browser Firefox. Stein des Anstoßes ist eine 1000$ Spende des neuen Mozilla CEO Brendan Eich für eine Kampagne in Kalifornien die sich gegen die Ehe homosexueller Paare richtete. Es geht also schlicht um die Personalentscheidung der Mozilla Foundation die sich von Anfang an für Ideale wie Freiheit, Respekt, Transparenz und Gleichberechtigung einsetzte und dies auch deutlich klarstellt.

Die Ehe ist nicht nur in der Bundesrepublik eine besondere In­s­ti­tu­ti­on. So steht im Grundgesetz Artikel 6 folgendes: »Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.« Aber auch die Europäischen Menschenrechtskonvention stellen mit Artikel 12 die besondere Stellung der Ehe heraus: »Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter haben das Recht, nach den innerstaatlichen Gesetzen, welche die Ausübung dieses Rechts regeln, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen.«

Die Ehe ist in der heutigen Zeit vor allem ein rechtliches Konstrukt. Solange man nicht im sprichwörtlich hintersten erz-katholischen Dorf lebt wird sich auch die Nachbarschaft kaum dazu äußern wenn man glücklich in »Wilder Ehe« und einem Stall voll Kindern lebt. Bei homosexuellen Menschen wird nach landläufiger Meinung etwas genauer hingesehen. Man muss sich deshalb auch bewusst machen, dass die Ehe nach wie vor als Keimzelle der Familie gesehen wird. Aber woher rühren die oft mit harten Bandagen geführten Grabenkämpfe?

Zuerst muss man feststellen, dass die Ehe in ihren Ursprüngen ein rein religiöses Phänomen war. Im Römischen Reich zum Beispiel handelte es sich bei der Ehe eher um einen Vertrag um politische und materielle Interessen zu sichern. Die von der Weltanschauung unabhängige Zivilehe gibt es in Deutschland seit 1876 staatliche Standesämter eingeführt wurden.

Es geht beim Streit über die Homo-Ehe zwar auch um die Anerkennung einer Solidargemeinschaft – aber eben nicht nur. Nüchtern betrachtet stehen handfeste wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Und Hand aufs Herz. Spielt das Geschlecht zweier Partner da eine Rolle? Gebietet nicht Art. 3 GG eine bedingungslose Gleichbehandlung? Wie ist eine Ungleichbehandlung zu rechtfertigen wenn Menschen einen Partner gleichen Geschlechts heiraten wollen?

Für Toleranz zu werben und die Eheschließung homosexueller Paare zu fordern ist offensichtlich zwingend geboten wenn man die Grundwerte unserer Gesellschaft leben will. Neben diesen Werten gibt es allerdings auch noch religiöse Werte. Die Forderung einer kirchlichen Trauung wäre damit nicht vereinbar. Nur – wurde die Zivilehe nicht geschaffen um genau diese Lücke zu füllen?

Die Forderung nach Toleranz ist ein grundsätzlich zu unterstützendes Anliegen. Aber wo bleibt die Toleranz wenn gegensätzliche Meinungen und Vorstellungen massiv angegriffen und torpediert werden? Wie kann es angehen, dass zum Boykott eines Browsers aufgerufen wird nur weil ein Mitarbeiter nicht die eigenen Werte teilt? Wie verträgt sich der Ruf nach Toleranz mit einem solch intoleranten Verhalten?

Es reicht nicht wenn man, zumindest der eigenen Meinung nach,  moralisch im Recht ist. Und es mag noch so modern sein restriktive Positionen mit viel Tamtam und dem Hinweis auf Toleranz anzugreifen. Ein Zeugnis der eigenen Toleranz ist das gerade nicht.